Nach Kündigung seelisch krank

Autor: Birgit Rehse / Kassenärztliche Vereinigung Rheinhessen, Mainz

Metro-Mitarbeiter protestierten 2015 gegen die angekündigte Kündigung. Die Pläne hinterließen Spuren auf der Seele

Ärzte initiieren Befragung von Metro-Mitarbeitern und werten aus/„Profitsüchtige Unternehmen zur Kasse bitten“

 

ALZEY – Wer von seinem Arbeitgeber schlecht behandelt oder gar nach vielen Jahren entlassen wird, läuft Gefahr, psychosomatische Störungen zu entwickeln und seelisch krank zu werden. Die Mitarbeiter der Metro AG, die bis Ende vergangenen Jahres im Massahochhaus gearbeitet haben, bedürfen zu großen Teilen psychotherapeutischer Behandlung. Dies ist das Ergebnis einer Befragung Betroffener durch das Netzwerk „Gesundheit“, über die der Allgemeinmediziner Dr. Friedel Rohr aus Framersheim und der Psychosomatiker und Psychiater Dr. Wolfgang Porn aus Alzey jetzt berichteten. „Wir haben zwei ausführliche Fragebögen zum gesundheitlichen Befinden über den Betriebsrat an rund 50 Mitarbeiter verteilt“, berichtet Rohr. Davon kamen 27 zurück. Inzwischen, so habe er von dort gehört, hätten die Mitarbeiter die Kündigung erhalten.
Schlaflos und depressiv
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Die Metro hatte nach Ankündigung im Februar Ende 2015 das Rechenzentrum in Alzey, wo bis dahin fast 100 Menschen arbeiteten, geschlossen.

Viele hatten Jahrzehnte hier gearbeitet und stehen nach Ablauf der Kündigungsfrist nun vor der Arbeitslosigkeit.
Schlaflosigkeit, Panikattacken, innere Unruhe und andere typische Symptome seien in den Fragebögen dokumentiert worden. Dabei habe sich gezeigt, dass nur fünf Personen unterhalb des Wertes liegen, ab dem man solche Störungen als bedenklich ansehen muss. Ebenso viele hätten sich so weit oben auf der Skala bewegt, da sei eine entsprechende Behandlung geradezu zwingend erforderlich. Die größte Zahl bewegt sich im mittleren, deutlich gefährdeten Bereich. „Es waren nur wenige, die bei der Auswertung zu den Themen Angst und Depression unauffällig waren“, sagt der Psychosomatiker. Und es hätten sich zum Teil deutliche Zusammenhänge zwischen beidem gezeigt.
Porn macht das wütend: Wir müssen hier die Scherben aufkehren, die profitsüchtige Unternehmer hinterlassen“, schimpft er. Schließlich sei es ja nicht so, dass diese Arbeitsplätze nicht mehr benötigt würden, vielmehr würden sie in Länder verlagert, wo die Arbeit billiger erledigt wird. Die Kosten für die gesundheitlichen Schäden hier vor Ort müsste dann die Sozialgemeinschaft über die Krankenkassen tragen. Ein eigentlich unhaltbarer Zustand. Der Fall Metro sei ja auch nicht der einzige. Bei einer Firma in Erbes-Büdesheim würden auch Mitarbeiter unter Druck gesetzt. Immer wieder würden Unternehmen Mitarbeiter, die auch nur wagen würden, Fragen zu stellen, bestrafen. Immer wieder würde statt der aktuellen Jobs ein deutlich niedriger dotierter angeboten und die Beschäftigten zur Annahme gezwungen. „Wir sind der Meinung, dass Depressionen und Angstzustände aufgrund beruflichen Leistungs- oder anderen Drucks gesellschaftlich anerkannt werden müsste“, fordert Rohr im Zusammenhang mit der Befragung.
Berufskrankheit anerkennen
Die Berufsgenossenschaften würden sich stets mit Händen und Füßen wehren, wenn es darum ginge, Krankheiten als arbeitsbedingt anzuerkennen. Jahrzehnte habe es gedauert, bis etwa bei Krankenschwestern Bandscheibenvorfälle entsprechend eingestuft werden konnten. Untersuchungen wie diese sollten dazu beitragen, mittelfristig zu erreichen, dass auch solche psychischen Belastungen, die entsprechende therapeutische Behandlungen nötig machen, als Berufskrankheit anerkannt werden müssten. „Wir wissen, dass wir da ein sehr dickes Brett bohren und ganz am Anfang stehen, aber wir müssen die Diskussion beginnen“, so Porn.
An der Universität Mainz hatten die Mediziner zwar einen Professor gefunden, der sich für eine genauere Auswertung des Themas interessierte, aber natürlich nicht umsonst.“ 20 000 Euro können wir uns als kleines Netzwerk nicht leisten“, stellt Rohr klar. Dass die vorhandenen Daten nicht justiziabel seien, sei ihnen bewusst, aber sie zeigten eine Tendenz.

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