Zwangsstörungen

Zwangshandlungen und -gedanken

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Tisch abräumen, Tassen rechts unten in den Schrank, Teller links oben, die Einkaufsliste eingesteckt, Herd, Kaffeemaschine, Bügeleisen, Fenster kontrolliert und los…. Hier ist eine normale, ordentliche Hausfrau am Werk, sollte man meinen. Doch die Normalität stößt an ihre Grenzen, wenn die betroffene Hausfrau zehnmal die Tassen an ihren Platz gerückt, die elektrischen Geräte und Fenster nachgesehen hat und erst nach mehreren Stunden überprüfung soweit ist, das Haus zu verlassen: Sie leidet unter Zwängen.

An die zwei Millionen Menschen in Deutschland (die Dunkelziffer ist sehr hoch) sind von solchen „Zwangsstörungen“ betroffen. Psychologen und ärzte unterscheiden bei dieser Krankheit zwischen Zwangshandlungen und -gedanken. Zu den Handlungen gehören Wasch-, Putz-, Kontroll-, Wiederhol-, Ordnungs- und Zählzwang, die oftmals deshalb durchgeführt werden, um sich oder andere vor einer vermeintlichen Bedrohung zu schützen. Die Gedanken äußern sich vor allem in der Angst vor Ansteckung mit Krankheiten, Zweifel an eigenen Handlungen, aggressiven oder sexuellen Vorstellungen sowie extremem Grübeln vor und nach Handlungen.

So vielfältig dieser immer zeitaufwändige und intensive psychiatrische Defekt sich auch zeigt, oft bleibt er unerkannt. Denn viele Zwänge werden als Übereifer oder Macke belächelt, und die Betroffenen verheimlichen, vertuschen ihre Probleme und leben in Isolation aus Furcht, als verrückt zu gelten. Versuchen sie, dem Zwang zu widerstehen, werden Angst und Anspannung so groß, dass die Patienten schnell wieder auf die zwanghaften Rituale zurückgreifen. Sie können einfach nicht anders.

Die Ursachen der Krankheit sind noch nicht ganz erforscht. Experten meinen, dass ein unglückliches Zusammenspiel aus genetischen, psychologischen, biologischen und biografischen Verflechtungen die Störung entstehen lassen kann. So können z. B. eine überbehütete Kindheit und die familiäre Veranlagung zu Depressionen gepaart mit dem Gefühl des ständigen überfordertseins möglicherweise in späteren Jahren die Zwangserkrankung auslösen. Aber auch wenn Kinder zu wenig Liebe erfahren haben und ein krisenhaftes Ereignis wie Arbeitslosigkeit oder der Verlust eines Familienmitglieds auftreten, kann das einen Wasch- oder Kontrollzwang nach sich ziehen. Organisch ist das Leiden, so schätzen Ärzte, mit einem Ungleichgewicht von Nervenbotenstoffen (speziell Serotonin) verbunden.

Die Therapie der Krankheit hat demnach verschiedene Ansatzpunkte:
Für den Erfolg der Behandlung ist ein ausgeprägtes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt, meist ein Psychotherapeut oder Psychiater, und Patient wichtig. Der Therapeut versucht, der Ursache der Störung in eingehenden Gesprächen auf den Grund zu gehen. Häufig liegen die Anfänge der Krankheit in verschiedenen Kindheitserlebnissen, die der Patient aufarbeitet.

Ein großer und für den Betroffenen sehr belastender Teil der Behandlung ist die Verhaltenstherapie. Dabei wird der Patient unter Aufsicht daran gehindert, sein Ritual auszuführen. Waschzwängler z. B. müssen sich „beschmutzen“, in dem sie Fremden die Hand schütteln, unsaubere Gegenstände anfassen, ohne sich nachher waschen zu dürfen. Ziel ist: Der Kranke soll durch die Konfrontation verinnerlichen, dass ihm nichts Schlimmes passiert, wenn er von seinem Ritual Abstand nimmt.

Unterstützt wird die Therapie, die von den Krankenkassen bezahlt wird, mit Medikamenten, den so genannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (Antidepressiva). Sie regulieren die Nervenbotenstoffe im Gehirn und nehmen den Patienten erst einmal die größten Ängste.

Nach der Therapie sind die Patienten wieder in der Lage, ihr Alltagsleben zu bewältigen. Zwei Drittel haben ihre Zwänge soweit im Griff, dass sie als geheilt gelten. Meistens hilft ihnen auch der Anschluss an eine Selbsthilfegruppe.

Weitere Informationen:
Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ), Katharinenstr. 48, 49005 Osnabrück, Tel.: 0541/4096633
Forum für seelische Gesundheit, Untere Zahlbacher Str. 8, 55131 Mainz, Tel. 06131/280751

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