Wachstum

Wie aus Babys Erwachsene werden

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25.07.2006

Wird mein Kind noch wachsen? Oder das andere Extrem: Wird mein Kind weiter so in die Höhe schießen? Fragen dieser Art höre ich häufig in meiner Praxis. Viele Eltern haben Angst, ihr Kind würde zu wenig oder zu viel wachsen und könnte deshalb im Erwachsenenalter unter Klein- oder Großwüchsigkeit leiden. Die häufigste Bitte in dem Zusammenhang lautet, ob ich als Arzt das Wachstum des Kindes beeinflussen könne. Um darauf schon einmal gleich zu antworten: Bei gesunden Menschen ist die Größe genetisch festgelegt. Sie richtet sich danach, wie groß oder klein die Eltern sind. Trotzdem besteht ein gewisser Spielraum. Bekommt ein Mensch in seiner Kindheit und Jugend alle Nährstoffe und Spurenelemente, die die Knochen zum Wachstum brauchen, wird der Spielraum voll ausgenutzt, und die Menschen werden größer. Mangelt es ihnen an etwas, bleiben sie kleiner, als es ihnen eigentlich möglich wäre. Das ist ein völlig normaler Vorgang in der Natur, den wir besonders gut auch in der Pflanzenwelt beobachten können. Daneben gibt es allerdings noch das krankhaft gestörte Wachstum. Hier ist es vor allem entscheidend, in welcher Menge bestimmte Hormone gebildet werden. So fördert eine übermäßige Menge an Wachstumshormonen (Somatotropin = STH) und an Schilddrüsenhormonen (Thyroxin = T4, Trijodthyronin = T3) das Wachstum.

Um das alles zu verstehen, sollten wir uns einmal anschauen, wie das Wachstum von klein auf eigentlich funktioniert. Hierbei muss man zuerst einmal unterscheiden zwischen dem Wachstum, das noch im Mutterbauch stattfindet und dem Wachstum nach der Geburt. Im Mutterbauch geht es ja zuerst einmal darum, dass sich aus dem Verschmelzungsprodukt von Ei und Spermium die Organe, die Körperform, die Knochen und Muskeln heranbilden. Dazu wird als erster Schritt eine Art Mittelachse angelegt. Das ist der Rumpf, in dem sich der Kopf und die Organe bilden und heranreifen. Aus dieser Mittelachse sprossen, vergleichbar mit den Ästen eines Baumes, die Arme und Beine langsam heraus. Man spricht daher auch von Extremitätenknospen (Extremitäten = Arme und Beine). Dieses Wachstum funktioniert über Zellteilung, bei der immer mehr Körperzellen gebildet werden. Gleichzeitig müssen sich die Zellen aber auch von früh auf festlegen, ob sie jetzt beispielsweise zu einer Organzelle oder zu einer Muskelzelle heranreifen.

Hat das Baby das Licht der Welt erblickt, ist der Körper mehr oder weniger ausgereift. Zumindest ist er ohne den Körper der Mutter funktionsbereit – wenngleich das Baby natürlich noch sehr lange die Hilfe der Eltern zum Überleben benötigt. Jetzt macht sich das Wachstum vor allem als Zunahme der Körperlänge bemerkbar. Dies findet jetzt hauptsächlich in den langen Röhrenknochen der Arme und Beine statt. Dabei wachsen nicht die festen Knochen, sondern nur die Wachstumsfuge. Das ist eine Zone zwischen dem Ende und der Mitte eines Knochens. Hier befindet sich ein Vorratslager an Reserveknorpel, aus dem sich nach und nach größere Knorpelzellen heranbilden, die dann über einen komplizierten Vorgang verknöchern. Ist das Vorratslager an Reserveknorpel aufgebraucht, kommt dieser ganze Umwandlungsbetrieb zum Erliegen und der Mensch wächst nicht mehr in die Länge. Allerdings wachsen Knochen zeitlebens in die Breite weiter, wenn auch sehr langsam. Das ist auch ein Grund dafür, warum der Ehering immer enger wird.

Die Umwandlung der Wachstumsfugen ist übrigens ein Signal für das Einsetzen der Pubertät. Deswegen stellen Forscher heute ein zunehmend früheres Einsetzen der Pubertät fest. Denn in den letzten 140 Jahren schob sich das Alter der ersten Periode oder des ersten Samenergusses kontinuierlich um etwa fünf Jahre nach vorne. Die Ursachen für diese Entwicklung sehen die Wissenschaftler in der sich stetig verbesserten Ernährungslage und dem immer besseren Gesundheitszustand der Bevölkerung. So kommt es, dass die Kinder immer früher an Gewicht zulegen und ihre endgültige Körpergröße erreichen. Damit beginnt auch die Pubertät früher. Umgekehrt haben Erkrankungen, die mit einer Verzögerung des Skelettwachstums einhergehen, eine verzögerte oder sogar ausbleibende Pubertät zur Folge.
Der Arzt kann deshalb auch anhand der Reife des Skeletts genau ausrechnen, wie groß sein junger Patient einmal werden wird. Dazu benutzt er allerdings nicht die Wachstumsfugen in den Armen und Beinen, sondern die Handwurzelknochen. Denn diese bestehen in den ersten Lebensjahren nur aus Knorpel und bilden sich erst nach dem siebten oder achten Lebensjahr heran. Aufgrund der Bildung von Knochenkernen in den Handwurzeln und der aktuellen Körpergröße kann der Arzt die zu erwartende Körpergröße errechnen. Wenn Sie wirklich denken, dass Ihr Kind zu groß oder zu klein ist, dann gehen Sie zum Kinderarzt. Er wird anhand von Röntgenbildern und von Gewicht-Größe-Diagrammen einordnen, ob sich Ihr Kind im Normbereich befindet.

Wenn Kinder dabei Schmerzen haben

Woher Wachstumsschmerzen kommen, ist noch nicht endgültig geklärt. Wissenschaftler diskutieren aber heute die folgende Erklärung: Sie vermuten, dass das Knochenwachstum nicht langsam und kontinuierlich erfolgt, sondern dass es regelrechte Schübe gibt. Denen können die Sehnen, Bänder und vielleicht auch Muskeln nicht so schnell folgen. So kommt es zu einer schmerzhaften Zugspannung. Außerdem findet das Knochenwachstum auch nicht gleichmäßig über Tag und Nacht verteilt statt, sondern nach den Ergebnissen der Untersuchungen von amerikanischen Forschern der Universität in Madison hauptsächlich nachts. Denn im Liegen lastet kein Druck auf den Knochen. Unter Belastung, wie sie beim Stehen oder bei Bewegungen auftritt, wachsen Knochen dagegen kaum. Vermutlich hemmt der Druck das Wachstum. Das ist vielleicht eine Erklärung dafür, dass Wachstumsschmerzen hauptsächlich nachts auftreten.
Wachstumsschmerzen müssen übrigens nicht sein, aber sie sind sehr häufig. Etwa ein Drittel aller Kinder zwischen drei und zwölf Jahren leidet darunter.


Krankheiten


Schlatter-Osgood-Krankheit (auch Morbus Schlatter genannt): Eine Entzündung von Knochen und Knorpel am Schienbeinkopf, die sich im Alter zwischen 10 und 15 Jahren entwickelt. Als Ursache vermutet man einen zu starken Zug an der Kniescheibensehne. Eine Wachstumserkrankung, die sich später „auswächst“.

Gedeihstörung: Ein verzögertes Längenwachstum sowie eine mangelnde Gewichtszunahme bei Kindern, können zu einer Entwicklungsverzögerung und Reifestörung führen. Ursachen: Beschwerden beim Schlucken und Kauen, Infektionen, Krebs, Störungen an Wachstums- oder Schilddrüsenhormon, Stoffwechselstörungen, Herz- und Nierenerkrankungen, genetische Störungen.

Zwergwuchs: Aufgrund von Wachstumshormonmangel in der Kindheit verlangsamt sich das Wachstum. Weil der Oberkörper schon stärker ausgewachsen ist, bleibt nur das Wachstum der Arme und Beine zurück, d.h. es stimmen die Proportionen nicht.
Kleinwuchs (Mikrosomie): Anzeichen einer vorgeburtlichen Störung durch Nikotin, Heroin, Röteln, Toxoplasmose, auch Anzeichen einer erblichen Erkrankung wie dem Ullrich-Turner-Syndrom, oder erbliche Veranlagung. Im Unterschied zum Zwergwuchs stimmen die Proportionen.

Kretinismus: Bei Mangel an Schilddrüsenhormonen auftretende Entwicklungsstörung, die das Skelett, das Nervensystem und das Gehörorgan betrifft.

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