Schmerzen

Sie können uns das Leben zur Hölle machen!

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08.04.2006

Sich krümmen vor Schmerz, oder nicht einschlafen können, weil alles weh tut, oder die Seelenqualen – jeder kennt diese Zustände. Deswegen hat sich die Vorstellung eingebürgert, Schmerz sei per se etwas Negatives. Das muss aber nicht so sein. Schauen Sie sich einmal ein Bild von einem Fakir auf einem Nagelbett an, dem scheint es dort richtig gut zu gefallen. Auch in der Sexualität ist es für viele Menschen luststeigernd, wenn sie dabei im Affekt etwas fester angefasst werden. Schmerz kann also unterschiedlich empfunden werden. Die Hirnforschung geht neuerdings sogar davon aus, dass bis zu einer gewissen Schwelle an jedem Lustempfinden auch ein Schmerzempfinden beteiligt ist. Der Schmerz in unserem Körper ist demnach ein vielschichtiges Phänomen, das wir in der Medizin noch lange nicht aufgeklärt haben.

Es fängt damit an, dass es noch nicht einmal eine genaue Definition von Schmerz gibt. Aber es wird allgemein anerkannt, dass Schmerz ein als unangenehm empfundenes körperliches oder seelisches Erlebnis ist. Denn erst einmal ist der Schmerz Teil eines lebenswichtigen Warnsystems, das unseren Körper vor Schäden schützt. Hätten wir dieses Warnsystem nicht, würden wir uns permanent selbst verletzen oder Krankheiten nicht rechtzeitig behandeln lassen. Das jedoch gefährdet das Leben. Der Hirnforscher Prof. Ernst Pöppel schreibt von einem jungen Mädchen, das von Geburt an „schmerz-blind“ war. Dieses Mädchen biss sich die Zunge ab, ohne es zu merken. Sie konnte ihre Hände längere Zeit in Eiswasser oder heißes Wasser halten, ohne etwas dabei zu spüren. Sie blieb immer in der gleichen Stellung stehen, sodass ihre Gelenke einseitig belastet wurden und sich schließlich entzündeten. Das Mädchen starb recht jung aufgrund von vielfältigen Entzündungen im ganzen Körper. „Schmerz-blind“ werden auch Diabetiker, deren Nerven geschädigt sind, vor allem an den Füßen. Sie merken dann nicht mehr, wenn sie sich stoßen und verletzen. Deswegen müssen sie jeden Abend ihre Füße nach Verletzungen untersuchen.

Verantwortlich für die Schmerzempfindung sind Millionen von kleinen Schmerzempfängern (Nozirezeptoren), die im ganzen Körper verteilt sind. Bei einer Verletzung wird auf diese Schmerzempfänger ein Reiz ausgeübt. Sie wandeln den Reiz in einen elektrischen Impuls um und übertragen ihn als Schmerzsignal über die Nervenbahnen im Rückenmark. Wenn das Signal im Gehirn angekommen ist, wird es verarbeitet und als Schmerz gedeutet. Jetzt wird man sich des unangenehmen Gefühls bewusst.

Beim Sport ist man abgelenkt und nimmt eine Verletzung möglicherweise nicht richtig wahr. Hingegen kann man sich in einer langweiligen Situation voll und ganz auf den Schmerz konzentrieren und empfindet ihn daher stärker. Wieso dies so ist, erklären Wissenschaftler seit den 1960ern mit der „Tor-Kontrollen-Theorie“: Sie vermuten, dass im „Hinterhorn“ des Rückenmarks wie durch ein Tor verschiedene Typen von Nervenfasern zusammenlaufen, schmerzweiterleitende und schmerzhemmende. Sind die schmerzhemmenden Fasern aktiv, werden Schmerzreize gar nicht erst weitergeleitet. Die schmerzhemmenden Fasern sind für die Hormone Endorphin und Enkephalin empfänglich, ebenso für Gegenreize, bestimmte schmerzlindernde Medikamente und Antidepressiva. So erklärt es sich, dass beim Sport, wenn Glückshormone ausgeschüttet werden, Schmerz gar nicht erst im Gehirn ankommt. Auch Antidepressiva setzen hier im Tor des Hinterhorns an. Deshalb werden bei langandauernden chronischen Schmerzen diese Medikamente oft in einer leichten Dosierung verschrieben. Das TENS-Verfahren (Transcutane elektrische Stimulation) funktioniert ebenso, hier überlagern Gegenreize den Schmerz.

Je länger eine geeignete Therapie auf sich warten lässt, desto tiefere Spuren hinterlässt der Schmerz. In den schmerzverarbeitenden Hirnregionen können tiefgreifende biochemische Veränderungen entstehen. Ein „Schmerzgedächtnis“ bildet sich. Das bedeutet, dass die Betroffenen fortan auch auf leichte Reize überempfindlich reagieren. Ein solcher chronischer Schmerz kann einem das Leben zur Hölle machen. Denn schlimmstenfalls genügt allein der Gedanke daran, um Schmerzen wahrzunehmen, und zwar ohne jede Meldung aus dem Körper. Es kann auch sein, dass der ursprüngliche Schmerzauslöser, wie z. B. ein vereiterter Zahn, längst beseitigt wurde, und das Schmerzgedächtnis bestehen bleibt. Um es zu löschen, arbeitet der Arzt oft mit Opiaten oder mit Cannabismedikamenten. Neuerdings wird auch vermutet, dass Akupunktur das Schmerzgedächtnis beeinflusst.

Normalerweise aber ist die Schmerzschwelle, also der Moment, an dem ein Reiz zu schmerzen beginnt, für alle Menschen fast gleich. Anders aber die Schmerztoleranz. Wenn sich beispielsweise der Fakir religiöse Erlösung verspricht, kann er den Schmerz besser tolerieren, als wenn er gezwungen wäre, auf dem Nagelbett zu liegen. Und wenn Sie wissen, dass der Schmerz nicht gefährlich ist, sondern gleich vorüber geht, tut er auch Ihnen nicht so weh.


Wie funktionieren Schmerzmittel?

Die Art und Weise, wie Schmerzmedikamente wirken, ist sehr unterschiedlich: Manche Stoffe wirken dort, wo der Schmerz entsteht – an den Schmerzempfängern (Nozirezeptoren) -, andere dagegen hemmen die Schmerzweiterleitung zum Gehirn, wieder andere beeinflussen unsere Wahrnehmung vom Schmerz. Zudem gibt es immer noch eine Reihe von Substanzen, deren Mechanismus wir bisher nicht entschlüsseln konnten und deren schmerzstillende Wirkung uns bis heute ein Rätsel geblieben ist. Ein Beispiel ist das allseits bekannte Paracetamol oder das bei kolikartigen Schmerzen eingesetzte Metamizol.

Die große Gruppe der Schmerzmittel wird unterteilt in zwei Untergruppen. Man unterscheidet die „Opioide“ von den „Nicht-Opioiden“, als opioidhaltige und nichtopioidhaltige Schmerzmittel. Die Opioide entfalten ihre Wirkung über Bindung an Opiatrezeptoren, welche sich hauptsächlich im Gehirn und Rückenmark befinden. Da Gehirn und Rückenmark als zentrales Nervensystem bezeichnet werden, spricht man manchmal auch von „zentral wirksamen“ Schmerzmittel, welche die Signalweiterleitung blocken.
Die Nicht-Opioid-Analgetika dagegen greifen direkt in die Schmerzentstehung am Schmerzempfänger ein. Da dieser in der Körperperipherie liegt, bezeichnet man diese Medikamente deshalb auch als „peripher wirksame“ Analgetika.


Tipps gegen den Schmerz

Schmerz ist uhrzeitabhängig. Nachmittags gegen 14 Uhr ist bei den meisten Menschen der Körper besonders schmerzunempfindlich. Unangenehme Zahnarztbesuche überstehen Sie jetzt besser als morgens oder abends.

Wenn der Rücken nach einem langen Tag im Büro schmerzt und der Nacken verspannt ist, hilft folgende schnelle Entspannungsübung: Knien Sie sich auf den Boden, beugen Sie den Oberkörper nach vorne. Legen Sie Stirn und die verschränkten Oberarme auf einem gefalteten Handtuch ab. Schließen Sie die Augen und lassen Sie die Wirbelsäule einfach durchhängen.

Berücksichtigen Sie, es gibt schmerzverstärkende und schmerzlindernde Faktoren. Schmerzverstärkende Faktoren sind: Körperliche Krankheit, Passivität und Langeweile, Konzentration auf den Schmerz, Depression, Zorn, Stress, Verspannung und Angst. Schmerzlindernd hingegen wirken: Ablenkung, Entspannung, Antidepressiva (nur nach ärztlicher Verschreibung) und Gegenreize, wie etwa eine schöne Massage.
Sport lindert chronische Schmerzen. Geeignet sind Ausdauersportarten wie Radfahren oder Schwimmen, aber auch entspannende Verfahren wie Yoga, Tai Chi oder QiGong.

Sie können Ihren Schmerz psychisch beeinflussen, mit folgenden drei Leitsätzen: Erstens: Schließen Sie einen „Pakt“ mit Ihrem Schmerz: Sie achten auf die Signale Ihres Körpers, dafür soll der Schmerz Sie aber öfters in Ruhe lassen. Zweitens: Vergessen Sie nicht das wirkliche Leben: Versuchen Sie, es trotz Schmerzen zu genießen! Drittens: Hören Sie auf, gegen Ihren Schmerz zu kämpfen: Versuchen Sie, ihn als Teil Ihres Lebens zu akzeptieren.

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