metabolisches Syndrom

4 Krankheiten vereinigen sich zu einem teuflischen Quartett

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22.03.2006

Starkes Übergewicht geht fast immer einher mit viel Bauchspeck, Bluthochdruck, gestörtem Blutzucker und Fettstoffwechsel. Dieser Bezug zum Stoffwechsel hat auch namhafte Wissenschaftler dazu veranlasst, das Ganze metabolisches Syndrom zu nennen. Aber, auch wenn diese Krankheitsbezeichnung – ich nenne es mal vornehm klingt – so darf dabei nicht vergessen werden, dass eine solche Anhäufung von Risikofaktoren bei Nicht-Beachtung-Behandlung mit im wahrsten Sinne des Wortes tödlicher Sicherheit zu schwersten Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt, wie z.B. Herzinfarkt und Schlaganfall. Unter dem metabolischen Syndrom versteht man eine bauchbetonte Fettsucht, Bluthochdruck, eine Fettstoffwechsel- (niedriges HDL-Cholesterin und erhöhte Triglyzeridspiegel) und Zuckerstoffwechselstörung. In der Folge nimmt dann die Arteriosklerose, also Gefäßverkalkung, zu und es entsteht die Blutzuckerkrankheit, der Diabetes mellitus.

Woran ist zu erkennen, ob Sie an dem metabolischen Syndrom leiden? Wenn Ihr Hausarzt z.B. im Rahmen der Gesundheitsuntersuchung (Check-up 35) festgestellt hat, dass Sie übergewichtig sind und einen hohen Blutdruck haben, wird er ein besonderes Augenmerk haben auf Ihren Nüchtern-Blutzuckerwert und den Cholesterinwert. Gibt es da Auffälligkeiten, geht es darum festzustellen, wie hoch Ihr HDL-Cholesterin-Wert ist: Bei Männern sollte er größer als 40 mg pro Deziliter und bei Frauen größer als 50 mg pro Deziliter sein. Zu den Fettwerten gehören auch die Triglyzeride, sie sollten kleiner als 150 mg pro Deziliter sein und wenn wir schon bei den Normalwerten sind: Der Blutdruck sollte 130/85 mg/hg betragen oder weniger und der Nüchternblutzucker sollte nicht höher sein als 110 mg pro Deziliter. Zum Check-up 35 gehört ja auch eine Urinuntersuchung: Selbst wenn im Urin keine Erhöhung der Eiweißausscheidung festgestellt wurde, empfehle ich bei dem Zusammentreffen von Bluthochdruck und Übergewicht den so genannten Mikroalbuminurie-Test, wo mit einem speziellen Teststreifen kleinste Spuren von Eiweiß nachgewiesen werden können. Ob jemand übergewichtig ist, wird heute mit dem so genannten Body-Mass-Index (BMI) festgestellt. Er wird berechnet mit folgender Formel: Tatsächliches Körpergewicht in kg, geteilt durch das Quadrat der Körperlänge in Metern. Ein Beispiel: Ein 1,70 großer und 70 kg schwerer Mensch hat also einen BMI von 70 kg: (1,7)*(1,7) = 24,2 kg/m2. Übergewicht beginnt ab einem BMI von 25 kg/m2 und Adipositas (Fettleibigkeit) ab einem BMI von 30 kg/m2. Das Risiko für die Entstehung von Herzkreislaufkomplikationen wird aber vor allem vom Fettverteilungsmuster beeinflusst: Um diesen Bauchspeck zu bestimmen, wird der Taillenumfang mit einem Maßband in der Mitte zwischen Unterrand des Rippenbogens und Oberrand des Beckenkamms, also so in Höhe des Bauchnabels, stehend gemessen. Bei Männern sollten nicht mehr als 102 und bei Frauen nicht mehr als 88 cm gemessen werden. Warum nun ist dieser Bauchspeck bzw. das Fettgewebe in der Bauchhöhle ein so hohes Risiko? Weil der Bauchspeck unter anderem Immunbotenstoffe freisetzt, die eine Art chronische Entzündung hervorrufen und so die Entstehung von Arteriosklerose (Blutgefäßverkalkung) fördern. Außerdem setzen Botenstoffe aus dem Bauchspeck die Wirkung des Insulins herab, was die Entstehung der Blutzuckerkrankheit begünstigt.

So kompliziert jetzt der Nachweis des metabolischen Syndroms auch geklungen haben mag, so einfach ist die Ausmerzung der Hauptursache und damit die Behandlung des metabolischen Syndroms. Es geht eigentlich ganz einfach, die Kilos müssen purzeln, was viele Menschen schon mit Erfolg geschafft haben, aber dieses neue Gewicht muss dann auch gehalten werden, so dass der beschriebene BMI auf Dauer nach Möglichkeit kleiner als 30 kg/m2 beträgt. Ach ja, werden Sie jetzt denken, ich weiß schon, was jetzt kommt, ich muss weniger essen, Gewicht abnehmen und mich mehr bewegen. Stimmt, sage ich dazu, aber ich möchte Ihnen zum Schluss noch kleine Hilfestellungen an die Hand geben, mit denen es Ihnen zukünftig vielleicht wirklich gelingt, langfristig ein Idealgewicht zu erreichen und auch zu halten.

Den besten Willen, ernährungsmäßig etwas zu verändern, kann man dadurch kaputt machen, in dem man Ernährungsempfehlungen kompliziert. Natürlich ist es sinnvoll, weniger Kalorien zu sich zu nehmen, aber nicht, in dem man ununterbrochen Kalorien zählt, sondern einfach durch eine prinzipielle Umstellung der Ernährung auf eine ballaststoffreiche Mischkost, die viel Kohlenhydrate, Eiweiße und weniger, vor allem tierische Fette enthält. Hier sollten vor allem Lebensmittel mit einer so genannten niedrigen Energiedichte gewählt werden, wie Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkorngetreideprodukte. Damit wird man dann auch richtig gut satt. Ausreichend trinken ist natürlich ganz wichtig, aber möglichst kalorienfreie Getränke, also ungesüßt und wichtig ist auch ein fester Mahlzeitenrhythmus. Zwischendurch immer mal etwas zu naschen, würde ich mir ganz abgewöhnen und auch diese typisch deutsche Untugend, dass der Teller immer schön voll sein muss. Versuchen Sie es doch einfach mit kleineren Portionen, das Essen dann aber richtig zelebrieren, was am besten klappt mit Schmecken und Kauen, auch „Schmauen“ genannt. Durch dieses Kaujogging werden die 20 bis 30 Minuten Zeit, bis das Sättigungsgefühl eintritt, sinnvoll für eine Vorverdauung im Mund und damit bessere Verträglichkeit genutzt.

Jetzt zur Bewegung: Hier sind besonders geeignet schnelles Gehen, Schwimmen und Radfahren. Aber auch das Krafttraining darf nicht vergessen werden. Damit wird Muskulatur aufgebaut, der Energieverbrauch in Ruhe steigt, das nennt man Steigerung des Grundumsatzes. Mit dem Bewegungswiedereinstieg sollte langsam begonnen werden, mit einer ganz allmählichen Steigerung. Eine vorherige ärztliche Untersuchung würde ich gerade untrainierten und älteren Menschen ans Herz legen. Die Bewegung kann aber auch in den Alltag eingebunden werden, also Treppe statt Aufzug und kürzere Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Wichtig dabei ist schon, dass man sich täglich 20 – 30 Minuten bewegt, so sind wir übrigens „konstruiert“ und entsprechend funktioniert unser Organismus auch mit mehr Wohlbefinden wesentlich besser.

Damit sich gerade in den ersten Wochen und Monaten ein größerer Erfolg einstellt, empfieht sich auch gerade Patienten mit metabolischem Syndrom die zusätzliche Gabe eines Medikaments, aber wirklich nur in Kombination mit Ernährungsumstellung und regelmäßiger Bewegung. Hier gibt es zwei Wirkstoffe, die zur Behandlung von Fettleibigkeit zugelassen sind: Orlistat (Xenical) oder Sibutramin (Reductil). Für diese Medikamente braucht man ein Privatrezept, eine Verordnung über die gesetzlichen Krankenkassen ist nicht möglich.

Bei dem Sibutramin handelt es sich um einen Appetitzügler, der im „Gehirn“ wirkt. Da es bei der Behandlung mit Sibutramin zu einer Erhöhung der Herzfrequenz und des Blutdrucks kommen kann, empfehle ich Patienten mit metabolischem Syndrom eher das Orlistat. Es wirkt örtlich im Darm, Verdauungsenzyme werden gehemmt, so dass ca. 30 % der Nahrungsfette unverdaut ausgeschieden werden. So werden immerhin zwischen 200 und 500 Kilokalorien pro Tag „eingespart“. An unerwünschten Wirkungen können auftreten Fettstühle, Blähungen und Durchfall.

Ein weiterer Wirkstoff ist Rimonabant, der voraussichtlich in diesem Jahr zugelassen wird, sprich über ein Rezept in den Apotheken zu erhalten ist. Dieses Rimonabant blockiert einen Rezeptor mit Namen CB1 im so genannten Endocannabinoid-(EC)-System. Man weiß heute, dass das EC das innere Milieu in unserem Körper und das Essverhalten reguliert. Ist es überaktiv, dann fördert es die bauchbetonte Fettsucht und die damit verbundenen schon genannten Risikofaktoren. Über die CB1-Rezeptoren bekommt das EC „Informationen“ und beginnt zu arbeiten. Die CB1-Rezeptoren befinden sich im Gehirn, in Fettzellen, im Magen-Darm-Trakt, der Leber und der Muskulatur. Werden nun diese CB1-Rezeptoren angeregt, so ganz unwissenschaftlich könnte man auch von einer Appetitsteigerung durch bestimmte Einflüsse sprechen, so beginnt der dazu passende Mensch vermehrt schmackhafte, süße und fetthaltige Nahrungsmittel zu essen. Durch entsprechende Experimente hat man herausgefunden, dass so ein aktivierter CB1-Rezeptor die Fettentstehung in der Fettzelle verstärkt. Gleichzeitig wird leider auch ein günstiges von den Fettzellen produziertes Hormon (Adiponectin) weniger gebildet. Adiponectin aber sorgt dafür, dass Insulin richtig wirkt, Mediziner nennen das Insulinsensitivität. Wird jetzt aber weniger Adiponectin gebildet, so schwächt das die Insulinwirkung.

Zusammenfassend kann also das Rimonabant den CB1-Rezeptor blockieren, dadurch wird die Aktivität des EC-Systems runtergefahren, was langfristig zu einer Verringerung des Taillenumfangs führt und zu einer Verbesserung des Fett- und Zuckerstoffwechsels. Dies wurde auch in einer europaweiten Studie nachgewiesen, nämlich Verringerung des Taillenumfangs, Reduzierung des Körpergewichts, Anstieg des guten HDL-Cholesterins und Senkung des Triglyzeridspiegels. Nebenwirkungen gibt es wie bei fast jedem Medikament leider hier auch, nämlich Schwindelgefühle, Übelkeit, Durchfall und Gelenkschmerzen.

Fazit: Der wichtigste Ansatz einer Behandlung des metabolischen Syndroms ist die Gewichtsreduzierung. Sie klappt aber nur mit der beschriebenen praktikablen, gut schmeckenden und sättigenden Ernährungsumstellung, einer konsequenten Steigerung der körperlichen Aktivität und über einen gewissen Zeitraum ist auch eine Unterstützung mit Medikamenten durchaus sinnvoll.

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