Hydrozephalus

Der seltene Fall aus meiner Landarztpraxis

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Zugegeben, der Fall, von dem ich Ihnen heute berichten möchte, hatte zunächst nichts seltenes an sich. Der Patient kam daher, wie manch anderer auch, mit einer bekannten, chronischen Erkrankung und wollte sich seine Medikamente verschreiben lassen. Der Patient war in diesem Fall jedoch in Begleitung seiner Tochter, denn die chronische Erkrankung, um die es sich handelte, war eine Demenzerkrankung.
Der Patient stellte sich neu in unserer Praxis vor, wohingegen ich die Tochter bereits seit vielen Jahren als Patientin kannte. Der Vater war vor knapp einer Woche zu ihr gezogen, nachdem es alleine in seinem zwei Stunden entfernten Zuhause oft zu gefährlichen Situationen gekommen war.
Wir stellten uns vor, der Herr wirkte freundlich und aufgeschlossen, wir sprachen ein wenig, doch rasch merkte ich, dass das Kurzzeitgedächtnis meines Patienten nicht das allerbeste war. Ich erbat mir noch ein kurzes Gespräch mit seiner Tochter alleine, die mir berichtete, dass es in den vergangenen Wochen zunehmend zu einer Veränderung ihres Vaters gekommen war. Immer wieder hatte er Sachen vergessen, Dinge verlegt oder sich seltsam verhalten. Durch den behandelnden Kollegen in seiner damaligen Heimatstadt war schließlich die Diagnose einer Demenz gestellt worden. Zunächst habe er sich in seiner Wohnung noch gut zurecht gefunden, dann jedoch sei er teilweise gestürzt oder die Nachbarn bekamen ihn tagelang nicht zu Gesicht, da er das Haus nie verließ.
Nach einer Untersuchung des Patienten mit Blutentnahme verordnete ich die bekannte Hausmedikation und Patient samt Tochter verließen meine Praxis wieder. Bereits hier fiel mir auf, wie lange es dauerte, bis der Patient den Behandlungsraum verlassen hatte, bewegte er sich doch nur mit kleinsten Schritten vorwärts.
Die Blutergebnisse erbrachten keine sonderlich auffälligen Befunde, lediglich leicht erhöhte, wenn auch nicht Besorgnis erregende Nierenwerte. Ich bestellte den Patienten zur Abgabe einer Urinprobe und einer Ultraschalluntersuchung der Nieren erneut in die Praxis ein. Die Tochter berichtete mir, dass es mit der Urinprobe schwierig werden könnte, da der Vater in den letzten Wochen auch das Wasser nicht immer halten könne.
In diesem Moment hatte ich die drei Indizien zusammen, die mich zur Lösung dieses bis dato nicht ungewöhnlichen Falls führten. Auf Nachfrage gab die Tochter an, dass zur Diagnosestellung der Demenz kein Bild des Kopfes bei ihrem Vater gemacht worden war. Die „Symptome seien eindeutig gewesen“ und so habe man darauf verzichtet. Die Eindeutigkeit der Symptome konnte auch ich nicht bestreiten, die Dreierkombination aus Demenzerkrankung, kleinschrittigem Gangbild und Harninkontinenz jedoch hatte mich hellhörig werden lassen.
Ich vereinbarte einen Termin zum MRT, welches meinen Verdacht in erster Instanz bestätigte: Bei meinem neuen Patienten zeigten sich erstaunlich weite Hirnwasserräume. Ich stellte die Verdachtsdiagnose eines „Normaldruckhydrozephalus“ (ein Hydrozephalus wird bei Kindern auch lapidar übersetzt: „Wasserkopf“). Ein solcher stellt eine Erklärung der berichteten Symptome dar, die bei korrekter Therapie sogar wieder völlig verschwinden können. Die gestellte Diagnose war trotzdem richtig, heißt doch Demenz Hirnleistungsstörung, für die es halt nur verschiedene Ursachen gibt.
Ich führte ein ausführliches Gespräch mit der Tochter und dem Patienten, letztlich stimmten beide einer Hirnwasserentnahme aus dem Rückenmarkskanal zu – eine technisch recht simple, wenn auch nicht risikofreie Untersuchung, die durch einen Neurologen durchgeführt wurde. Wunderbarerweise bestätigte diese „Probepunktion“ die Diagnose, denn mit einem Mal konnte der Patient nicht nur wieder richtig laufen, sondern auch sein Gedächtnis schien wieder zu funktionieren. Durch die Neurologie wurde ein Termin zum Einlegen eines dauerhaften Abflusssystems für das überschüssige Hirnwasser vereinbart. Der Patient ist völlig genesen, wohnt jedoch weiterhin bei seiner Tochter und ein stets gern gesehener Besuch in unserer Praxis.

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