Gebärmutter

Ein Nest für das Ungeborene

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01.12.2005

Das befruchtete Ei nistet sich ein, teilt sich und wächst heran, bis gute 9 Monate später ein fertiges Baby auf die Welt kommt. In dieser Zeit darf es im Babyhaus namens Gebärmutter wohnen. Dies ist das Organ, welches die Frau ausschließlich deswegen besitzt, um ihrem werdenden Baby ein gemütliches und sicheres Nest zum Heranwachsen zu bieten. Es befindet sich im kleinen Becken unterhalb der Verdauungsorgane Magen, Leber und Darm. Auf den ersten Blick würde jeder Baumeister nur den Kopf schütteln: Das Babyhaus steht nämlich krumm und schief in der Landschaft: Im Bauch der Frau weist es einen Knick nach vorne um 70 bis 90 Grad auf. Außerdem neigt sich die Gebärmutter noch um etwa 90 Grad nach vorne wie eine vom Wind geschüttelte Eiche. Diese Stellung ermöglicht es der Gebärmutter, bei der Geburt das Kind herauszupressen.

Wichtig sind auch die Nachbarschaftsverhältnisse des Babyhauses: Blickt man durch die „vordere Haustür“, also in Richtung Bauchnabel, sieht man die Harnblase. Trinken Sie z. B. ein großes Glas Apfelsaft, so füllt sich die Harnblase und drückt gegen die Gebärmutter. Die enge Nähe zwischen Harnblase und Gebärmutter sorgt zum Leidwesen vieler Frauen für vermehrten Harndrang während der Schwangerschaft.

Wie jedes richtige Haus ist auch die Gebärmutter an Wasser- und Energieversorgung angeschlossen: Drei große Blutgefäße verbinden das werdende Baby mit dem Mutterkuchen (Plazenta), einer drei cm dicken und etwa ein halbes Kilo schweren Gewebsplatte, die während der Schwangerschaft gebildet wird. Zwei dieser Gefäße sind mit Abfahrtsstraßen vom Kind weg zu vergleichen; nur eines ist eine Zufahrtsstraße. Die Abfahrtsstraßen (Nabelarterien) sind dabei die Müllabfuhr: Vom Baby produziertes Kohlenstoffdioxid (das Gas, das wir ausatmen) wird so zum Mutterkuchen transportiert und gelangt ins mütterliche Blut. Die Mutter selbst atmet das Kohlenstoffdioxid dann mit Hilfe ihrer Lunge ab und nimmt den lebenswichtigen Sauerstoff auf. Da die Lunge des heranreifenden Babys jedoch noch nicht funktioniert, übernimmt die Mutter solange diese Aufgabe und atmet für ihr Kind. Der eingeatmete Sauerstoff gelangt über die einzige Zufahrtsstraße (die Nabelvene) vom Mutterkuchen zum Baby. Während das Baby im Babyhaus Gebärmutter wohnt, wird es außerdem über diese Zufahrtsstraße mit „Essen auf Rädern“ versorgt, denn durch dieses Gefäß fließt mit Nährstoffen angereichertes Blut.

Jeden Monat aufs Neue bereitet sich die Gebärmutter auf einen neuen Mieter vor: Dabei wird sozusagen die alte Tapete heruntergerissen und anschließend neu tapeziert. So ist es zu verstehen, wenn die Gebärmutter der Nichtschwangeren allmonatlich einmal ihre Schleimhaut abstößt, um sie anschließend wieder zu erneuern. Darüber hinaus hat die Architektin Mutter Natur die Gebärmutter mit einem äußerst kompliziert verflochtenen Maschenwerk von Muskulatur ausgestattet. Diese Muskelzellen sind in der Lage, sich um das Dreißigfache ihrer Ursprungslänge auszudehnen. Außerdem tragen eingebettete elastische Fasern zur Dehnbarkeit der am Ende der Schwangerschaft zehnmal so schweren Gebärmutter bei.

Ein solch gewichtiges Haus muss selbstverständlich auf solidem Grund gebaut werden. Eine dicke muskuläre Platte, die Beckenbodenmuskulatur, hat die Aufgabe, ein Absinken der Gebärmutter zu vermeiden. Auch eine umgebende, gut durchblutete Gewebsschicht trägt dazu bei. Reichen diese Stützmechanismen nicht aus, so kann es zu einem Hervortreten der Gebärmutter durch die Scheide kommen: einem sog. Gebärmuttervorfall (Prolaps). Gründe dafür können mangelhafte Rückbildung der Muskulatur im Wochenbett, eine angeborene Schwäche der Haltebänder oder ein Absinken darüber liegender Eingeweide sein. Betroffene leiden dann an Schmerzen, die durch den Zug an den Haltebändern verursacht werden, sowie an Verstopfung, Blasenschwäche und Blutungen. Als beste Therapie gilt heute ein operativer Eingriff, der darauf abzielt, den natürlichen Halteapparat wiederherzustellen. Kann einer Frau z. B. aus gesundheitlichen Gründen eine Operation nicht zugemutet werden, wird zur Stütze ein als Pessar bezeichneter Gummiring unterhalb der Gebärmutter eingeführt.

Zur vollständigen Wiederherstellung der durch Schwangerschaft und Geburt stark beanspruchten Muskulatur und zur Verkürzung von erschlafften Haltebändern der Gebärmutter gibt es gezielte, vorbereitende Gymnastik in der Schwangerschaft und Rückbildungsgymnastik danach. Dadurch wird die Muskulatur gekräftigt und ein Absinken der Gebärmutter und eine eventuelle Harninkontinenz vermieden oder behoben. Weitere positive Effekte der Rückbildungsgymnastik sind die Unterstützung der Kreislaufumstellung und Förderung des Wochenflusses, d.h. die Ausschwemmung von Blut, Wundsekret und Gewebeteilchen nach einer Geburt. Nach nur neunmonatiger Wohnzeit sind im Babyhaus also umfangreiche Renovierungsarbeiten notwendig…

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