Freehand

Eine Möglichkeit zur Funktionserweiterung für Querschnittsgelähmte

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Die Werner-Wicker-Klinik (WWK) in Bad Wildungen-Reinhardshausen ist in Deutschland und weit darüber hinaus als qualifiziertes Zentrum für Rückenmark-Verletzte bekannt, sowohl auf orthopädischem als auch auf urologischem Gebiet. Hier wird nach neuesten Methoden gearbeitet; zum Teil werden auch neue Verfahren entwickelt oder bereits bestehende verbessert.
Im Oktober diesen Jahres wurde in der WWK eine neue Möglichkeit zur Verbesserung der Hand-Funktionen bei Querschnittsgelähmten vorgestellt. Bezeichnenderweise heißt diese Technik „Freehand“ und kommt – der Name deutet es an – aus den USA. Der Chefarzt der Orthopädie der WWK, Dr. Thomas Meiners, gab den etwa 60 Teilnehmern der Informationsveranstaltung einen engagiert vorgetragenen überblick über die Entwicklung dieses interessanten Verfahrens.
Schon in den 70er Jahren hatte der junge Ingenieur Hunter Peckham im Philadelphia Shrinners Hospital in Ohio, USA, die Idee, Konzepte für eine Möglichkeit der Elektro-Stimulation von Gliedmaßen zu entwickeln, die durch Rückenmarkverletzungen nicht mehr funktionierten. Im Laufe vieler Jahre und mit Hilfe von „Risiko-Kapital“ mutiger Anleger wurde dabei eine Technik entwickelt, die beispielsweise Menschen mit fehlenden Fingerfunktionen einfache Handgriffe ermöglicht. So kann ein Patient, der bisher nicht einmal selbständig essen und trinken konnte, mit Hilfe von Freehand wieder zum Besteck und zum Glas greifen.
„In Deutschland fehlen leider mutige Geldgeber. Von unseren Fähigkeiten und auch von unseren technischen Möglichkeiten her wären wir durchaus in der Lage, entsprechende Forschungen und Entwicklungen zu betreiben“, erklärte Meiners, der diese Situation ausdrücklich bedauerte.
Die Operation dauert etwa sechs bis acht Stunden. Weltweit wurde bisher etwa 180 Patienten/innen durch Freehand geholfen, davon sechs in Deutschland und wiederum vier davon in der WWK.
Bei der Veranstaltung in Bad Wildungen demonstrierten zwei der von Meiners operierten Patienten ihre neu gewonnenen Möglichkeiten: der 53 Dietmar Bradtmüller aus Salzgitter, der seit seinem 20. Lebensjahr querschnittsgelähmt ist, und der 35jährige Michael Wirth aus Alzey, der seit seinem 21. Lebensjahr die Finger nicht mehr gebrauchen konnte. Beide sind begeistert von der – zuvor lange entbehrten – Möglichkeit der Selbständigkeit, betonen aber auch, dass sie nach wie vor ohne die Hilfe von pflegenden Menschen nicht leben können.
Eine weitere Voraussetzung für die zusätzliche Selbständigkeit sei ein sehr diszipliniertes tägliches Training, denn die Finger der rechten Hand werden durch Bewegungen der linken Schulter gesteuert, was sehr viel Einübung bedingt. Das bedeutet aber auch, dass – bei diesem Beispiel – die linke Schulter und der Ellenbogen beweglich sein müssen.
Darüber hinaus muss ein Kostenträger gefunden werden, der die Notwendigkeit einer Anschaffung des 50 000 Mark teuren Gerätes und eines drei- bis fünfmonatigen Klinikaufenthaltes einsieht und zahlt. Da stehen dann insgesamt etwa 150 000 Mark auf der Rechnung. Und im Hilfsmittel-Katalog steht Freehand (noch) nicht.
Nach den Worten von Meiners muss eine solche Operation gut überlegt werden: „Der Patient entscheidet, ob er seine doch starke Beanspruchung akzeptiert, die ihm dann einen Gewinn an Lebensqualität bringt. Und ich untersuche sehr genau, ob das Erreichen der gewünschten Funktionen möglich ist“.
Der Mediziner machte in Bad Wildungen deutlich, dass unterhalb der Verletzungshöhe funktionierende Muskeln vorhanden sein müssen. Zwar gäbe es bereits Versuche, Freehand-Technik auch für fehlende Beinfunktionen nutzbar zu machen. „Das ist aber noch ein sehr langer Weg. In den Medien werden oft Hoffnungen geweckt, die momentan nicht realisierbar sind“. Der Chefarzt betonte auch die Notwendigkeit eines vertrauensvollen Verhältnisses zwischen Patient und Arzt. Bei der Veranstaltung in der WWK wurde deutlich, dass dies zwischen Meiners und seinen beiden Patienten offensichtlich und in sympathischer Weise zutrifft.

(aus: Paraplegiker 4.2000 mit freundlicher Genehmigung des Verlages und ausdrücklicher Erlaubnis zur Veröffentlichung von M. Wirth, Alzey)

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