Experte Udo Pollmer wirft in Alzey einen kritischen Blick hinter die Kulissen moderner Lebensmittelproduktion – Bezug: Nachtvorlesung vom 16.11.2016

Autor: Rheinhessen-Fachklinik, Alzey, Gerontopsychiatrie

„Man nennt ihn auch das „enfant terrible“ der Ernährungsszene: Udo Pollmer, TV-bekannter Lebensmittelchemiker und Buchautor, zu dessen Vortrag „Vorsicht Geschmack – Zusatzstoffe in Lebensmitteln“ das Gesundheitsnetz Alzey und Umgebung und die Allgemeine Zeitung bei der jüngsten Nachtvorlesung ins Tagungszentrum der Rheinhessen-Fachklinik eingeladen hatten.

Wer kennt sie nicht, die täglichen Werbesendungen im TV mit glücklichen lila Kühen, käserührenden Sennerinnen oder den wunderbaren Pastasaucen, die von der perfekten „Mamma“ bei italienischen Klängen in der Küche gerührt werden. Ganz zu schweigen von den Eiern der freilaufenden gesunden Hühner. Die Darstellung von Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung ist mit Klischees behaftet. Die Aussagen, mit denen der streitbare Lebensmittelchemiker Pollmer die zahlreichen Zuhörer mit großem Wissen und sehr redegewandt konfrontiert, erstaunten und schockierten viele.

„Zusatzstoffe sind der ‚Rohstoff‘ der Food Designer: Egal ob Bäckerbrötchen oder Fertiggericht – ohne die heimlichen Helfer kommt keiner mehr aus.“ Welche Möglichkeiten es gibt, zeigt Pollmer anhand der Herstellung von künstlichen Eiern in China auf. Natriumalginat plus Wasser, dazu Gelatine, später Alaun, Natriumbenzoat, Glucono-delta-Lacton, Carboxymethylcellulose, Calciumcarbid und Lysine ergeben das „Eiweiß“. Einen Teil der Masse färbt man mit Canthaxanthin dottergelb und erzeugt durch Behandlung mit Calciumchlorid eine „Haut“. Nach weiteren Stabilisierungsprozessen wird das „Ei“ mit einer „Schale“ aus Paraffin mit Gips umhüllt und getrocknet.
In Deutschland ist diese Methode (noch) verboten, aber inzwischen gewinnt das „Clean Label“ eine immer größere Bedeutung. Darunter versteht man die Herstellung von Lebensmitteln, die laut Etikett nur noch „natürliche“ Zutaten enthalten. Zwar graust es die Deutschen immer noch bei dem Gedanken an gentechnisch veränderte Lebensmittel, aber dass schon längst Imitate ihren Einzug gehalten haben, wird kaum bemerkt. Die sogenannte „künstliche Natürlichkeit“ beim Kunstkochen im Labor ersetzt die Kochkunst am heimischen Herd, erklärt Pollmer.

Als bestes Beispiel zeigt er die Produktion der Fertigsuppe auf, mit der sogar Trockenerbsen in fünf Minuten „gar“ zu kriegen sind, zusammen mit Karottenkrümeln und Nudeln. Die Erwartung der Konsumenten: Es muss schmecken und billig sein. Der Appetit kommt beim Essen. Damit das auch in Zukunft so bleibt, gibt es Aromen. Die „natürlichen“ werden zunehmend aus Schimmelpilzkulturen gewonnen.

Und so gibt es künstliche Früchte aus Cranberries in Müsliriegeln, Fruchtjoghurt, Gebäck und Eiscreme, die mit diversen Zutaten und durch Zugabe von Farbstoffen und Aromen zur gewünschten Frucht umgewandelt werden. Pollmer: „Wer ahnt schon, dass sich Quark täuschend echt durch modifizierte Molke ersetzen lässt, dass Tomato-Stretcher helfen, Tomaten im Ketchup einzusparen, oder dass der Begriff „Natürliches Aroma“ auf Gentechnik hinweist?“ Die Aussagen über Fleisch, die Zusammenhänge mit Cholesterin relativiert er.

Referent stellt auch mögliche Folgen vor
Weit über zwei Stunden referiert Pollmer und stellt alles auf den Kopf, was man bis dahin über Lebensmittel zu wissen glaubte. Den zahlreichen Zuhörern bot er einen kritischen Blick hinter die Kulissen moderner Lebensmittelproduktion und ihre möglichen Folgen für den menschlichen Körper.
Die etwas enttäuschte Aussage aus dem Publikum, jetzt gar nicht mehr zu wissen, was man überhaupt noch ohne Bedenken essen könnte, kommentiert er: „Wir Menschen sind unterschiedlich, das sieht man schon in der unterschiedlichen Ernährungsweise innerhalb der eigenen Familie. Was dem einen schmeckt, isst der andere noch lange nicht. Essen Sie, was Ihnen bekommt.“

Zu Originallink gelangen Sie hier: http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/alzey/alzey/experte-udo-pollmer-wirft-in-alzey-einen-kritischen-blick-hinter-die-kulissen-moderner-lebensmittelproduktion_17478586.htm

Print Friendly, PDF & Email
Veröffentlicht am