Vor Corona ist nicht gleich nach Corona (Artikel aus Medical Tribune vom 09.04.2020)

Wie könnte die Zeit nach der Corona-Krise aussehen? Wenn alles gut läuft, wird man gelernt haben: Es lohnt sich auf Wissenschaftler, Mediziner und Pflegende zu hören.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat sich gerade daran versucht, eine Welt nach der Corona-Krise zu zeichnen. Eine Welt, die eine andere sein wird. Dabei spricht er von historischen Momenten, also solchen, in denen die Zukunft die Richtung ändert, sodass nichts mehr so ist, wie es mal war. Als jemand, der sich seit Jahrzehnten mit der medizinischen Versorgung von Menschen beschäftigt – an der Patienten-Front und auf gesundheitspolitischer Ebene –, hoffe ich inbrünstig, dass er recht hat.

Auch wenn seine Methode erst mal kompliziert klingt: Mich hat Herr Horx inspiriert, mithilfe einer RE-Gnose, wie er den Blick aus der Zukunft zurück in die Gegenwart bezeichnet (statt PRO-gnose), schon jetzt, mitten in der Krise, einen Blick auf die Richtungsänderung der Zukunft zu werfen. Nicht aus Spielerei. Sondern um mögliche Erkenntnisse daraus zugunsten der medizinischen Versorgung der Menschen in unserem Land zu nutzen. Ich vermute, dass Herr Horx Verständnis dafür hat, wenn wir seine RE-Gnose-Methode für unsere Visionsprozesse nutzen.

Wir versetzen uns also heute, im Frühjahr 2020, in den Herbst 2020 und blicken zurück auf das, was in diesem Zeitraum passiert ist. Dazu gehört zum Beispiel: Sämtliche Talk­runden beschäftigen sich nur noch mit dem Thema SARS-CoV-2. Ganz Deutschland hängt plötzlich an den Lippen der Virologen, Epidemiologen, Infektiologen und Hygienespezialisten, der Ärztinnen, Ärzte, Kranken- und Altenpflegenden. Wir erleben, dass Politiker diesen Helden, wie man sie plötzlich nennt, zuhören und dass die Bundes- und Landesregierungen den Rat der Expertinnen und Experten annehmen und in die Tat umsetzen. Ich reibe mir die Augen und frage mich, wohin das führen soll.

Und weiter: Entsprechende Anreize und politische Weichenstellungen führen dazu, dass die Wissenschaft an der Entwicklung von antiviralen Medikamenten und Impfstoffen dranbleibt und nicht auf die nächste Epi-Pandemie wartet. Man hat daraus gelernt, dass Länder wie Singapur nach MERS und SARS nicht nachgelassen hatten und tatsächlich alle Regionen im Land ihre Notfallpläne hatten – in Deutschland nur 20 % der Kommunen. Und sie waren gerüstet, auch mit Schutzkleidung, Masken und Isolationsräumen für Infizierte. Im Frühjahr 2020 werden Hausärzte in Deutschland zwar als der erste Schutzwall für Krankenhäuser bezeichnet, sollen aber noch Patienten mit COVID-19 in derem Zuhause ohne Schutzkleidung besuchen. Und noch knapp ein Jahr zuvor mussten sie sich noch anhören, dass niemand sie zwingt, Kassenarzt zu werden.

Im Frühjahr 2020 setzt Markus Söder in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt einen „Versorgungsarzt“ mit umfassenden Befugnissen ein. Dieser Versorgungsarzt wird nicht von der KV, sondern vom Landrat oder Bürgermeister bestimmt. Aber hoppla, warum sind denn im Herbst 2020 – rein re-gnostisch gesehen – die Versorgungsärzte denn noch weiter im Amt? Na, wie auch immer.

Im Herbst 2020 haben sich auf jeden Fall die Beratungen der medizinischen Experten bewährt. Die Entscheidung der Bundesregierung, eine in ihren Berufen verbleibende Experten-Kommission aus den Bereichen Forschung, stationäre/ambulante Versorgung und Patienten fest im Gesundheitsministerium zu installieren, wird begrüßt. „Schluss mit politischen Entscheidungen aus dem Bauch heraus“, hatte es Peter Tschentscher, Arzt und Oberbürgermeister in Hamburg, genannt, mitten in der Krise Ende März 2020.

Wir werden dann also irgendwann von Zeiten vor Corona und solchen nach Corona sprechen. Die neue Welt wird die Medizin erreicht haben. Eine Welt, in der Handy-Ortung dabei hilft, Infektionsketten aufzuspüren und zu unterbrechen. Ob das unter Wahrung des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte passiert? Das konnte ich in meiner Re-gnose leider nicht erkennen. Und ich konnte auch nicht sehen, ob das Notstandsgesetz, das Ärzte zum Einsatz verpflichten kann und einen von unbegründetem Misstrauen geprägten Rückfall in „die alte Welt“ bedeutet, tatsächlich nur für die Dauer der Epidemie gilt. Und ob man in Nach-Corona-Zeiten die Wichtigkeit der Helden-Berufe weiter zu schätzen weiß. An diesen Punkten ist der Lauf der Geschichte wohl noch nicht entschieden. Wir sollten also versuchen, jetzt Einfluss darauf zu nehmen.

https://www.medical-tribune.de/meinung-und-dialog/artikel/vor-corona-ist-nicht-gleich-nach-corona/

Pressebericht zur Nachtvorlesung vom 18.09.19 in Alzey: „Op’s gegen Übergewicht“

Menschen mit deutlichem Übergewicht sind nicht disziplinlos, sondern krank. Mit dieser Feststellung traten gleich drei Mediziner während der „Nachtvorlesung“ im DRK Krankenhaus dem Vorurteil entgegen, sehr dicke Männer und Frauen müssten sich „nur“ Diät einhalten und Sport treiben, dann würden sie ihre Pfunde schon loswerden. „Fettleibigkeit ist eine Krankheit“, stellte demgegenüber Prof. Dr. Norbert Runkel, Chefarzt der Chirurgie am Sana-Klinikum in Offenbach, fest. „Adipositas entsteht durch eine Störung der Selbstregulation von Hunger und Sättigung und ist keine Frage der Disziplin.“ Deshalb endeten Hungerkuren auch so gut wie immer mit einer erneuten Gewichtszunahme. Weitaus erfolgreicher sei die operative Therapie, bei der der Magen mit einem minimalinvasiven Eingriff verkleinert werde.

Obwohl die Zahl der dicken Menschen in Deutschland immer mehr zunimmt, waren zu der von Gesundheitsnetz Region Alzey e. V.und der Allgemeinen Zeitung veranstalteten „Nachtvorlesung“ über „Operationen zum Abnehmen“ nur wenige Zuhörer gekommen. Moderator Dr. Günter Gerhardt bedauerte das, denn man konnte an diesem Abend viel Neues über die chirurgische Behandlung von Übergewicht erfahren. Prof. Dr. Runkel gab einen auch für Laien gut verständlichen Einblick in die Methoden, die angewendet werden. So verkleinert man den Magen des krankhaft übergewichtigen Patienten nach seinen Worten schon längst nicht mehr mit einem eingeführten Ballon oder einem Magenband, sondern legt einen Magenbypass oder formt einen „Schlauchmagen“. Damit sei eine Reduktion des Körpergewichts um 50 bis 80 % möglich. Komplikationen träten nur selten auf, allerdings müsse man im Anschluss an die Operation seine Lebensweise ändern. „Adipositas ist wie eine Sucht – sie kämpft sich immer wieder zurück“, erklärte der Mediziner. Doch obwohl es sich um eine Krankheit handele, seien die gesetzlichen Krankenkassen sehr zurückhaltend, wenn es um die Genehmigung einer Operation gehe. Dr. Gerhardt rief daher die Zuhörer auf, sich im „Patientenforum“ zu engagieren und gemeinsam mit den Ärzten für eine bessere medizinische Versorgung zu kämpfen.

Die Dipl.-Psychologin Lisa Haverkamp erstellt vor einer OP Gutachten über den Zustand des Patienten und betreut ihn auch nach dem Eingriff. Sie hat festgestellt, dass ein ganzes Konglomerat von körperlicher und genetischer Veranlagung zusammen mit psychischen Problemen zu einem krankhaften Übergewicht führen kann. „Sehr viele Menschen haben sich einen Schutzpanzer aus Fett zugelegt, der sie vor der Welt abschirmen soll. Wenn der plötzlich wegfällt, treten ganz neue Probleme auf.“ Deshalb sei es wichtig herauszufinden, welchen Grund die Patienten haben, zu viel oder das Falsche zu essen. Und man müsse sich vor der OP überlegen, wie man anschließend mit Stress-Situationen umgehen wolle, ohne gleich wieder eine neue Sucht zu entwickeln.

Weiterführende Links: www.das-patientenforum.de

Dass man nach einer Magenverkleinerung zwar ein Mehr an Lebensqualität erlebt, aber trotzdem einschneidende Veränderungen akzeptieren muss, war dem Bericht einer betroffenen Patientin zu entnehmen. Katharina Gast hatte sich 2015 in der Sana-Klinik operieren lassen. Damals wog sie bei einer Größe von 1,58 Metern 120 Kilogramm; heute bringt sie 67 Kilogramm auf die Waage. „Es ist kein leichter Weg“, gab sie zu bedenken. Anfangs habe sie ständig Hunger gehabt, konnte aber nur wenig essen. „Nach einem Löffel war ich schon satt, aber nicht befriedigt.“ Auch die zwingend notwendige Einnahme von Mineralstoffen und Vitamintabletten fünfmal täglich sei mit der Zeit lästig. Und sie habe lange mit der Krankenkasse ringen müssen, bis sie eine operative Entfernung der überschüssigen Haut genehmigt bekam.